Waldnachrichten © stock.adobe.com / Anton

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Wälder sind voller Leben - Internationaler Tag der Biologischen Vielfalt am 22. Mai

Die Coronakrise zeigt, wie wertvoll unsere Wälder als Zufluchtsort für die Menschen sind. Die Zahlen derer, die in den vergangenen Wochen Ausgleich und Entspannung im Wald suchten, hat sich vervielfacht. Doch nicht nur für die Menschen ist der Wald unentbehrlich. „Intakte Wälder haben eine immense Bedeutung für die Bewahrung der Biologischen Vielfalt“, erklärt Hartmut König, Referent für Natura 2000 Schutzgebiete bei der Zentralstelle der Forstverwaltung. Sie bieten Lebensraum für unzählige Tiere, Pflanzen und Pilze. Der diese Woche vom Bundesamt für Naturschutz veröffentlichte Bericht „Die Lage der Natur in Deutschland“ verzeichnet eine erfreuliche Zunahme der Waldvögel in Deutschland um 1,6 Millionen Tiere seit 2005. 

„Solche Entwicklungen bestätigen, dass unser Engagement für die biologische Vielfalt sich lohnt“ so der Förster. „Aufhorchen ließ mich allerdings eine Studie der Technischen Universität München aus dem vergangenen Jahr. Sie stellte fest, dass der allgemein beobachtete Rückgang der Insekten nun auch im Wald angekommen ist“ zeigt sich König besorgt. Dies unabhängig davon, ob der Wald genutzt oder nicht genutzt wird. Am stärksten scheinen die Arten betroffen zu sein, die weite Strecken zurücklegen und mit der Umwelt außerhalb der Wälder in Kontakt kommen. Arten, die den Wald nicht verlassen geht es offenbar besser. Auch, wenn noch längst nicht alle Zusammenhänge verstanden sind - solche wissenschaftlichen Erkenntnisse sind Ansporn für die Forstleute, ihre Bemühungen für den Arten- und Insektenschutz konsequent fortzusetzen.

Was Forstleute und Waldbesitzende für die Artenvielfalt tun

König: „Es ist nicht so, dass wir Forstleute morgens aufstehen und uns überlegen, heute machen wir mal was für den Artenschutz! Das sind viele Maßnahmen, die ineinandergreifen und zu unserem ganz normalen Arbeitsalltag gehören“:

Zum Beispiel der Erhalt von sogenannten Biotopbäumen. Das sind strukturreiche, alte, zum Teil auch bereits absterbende oder tote Bäume, die besondere Lebensräume bieten, zum Beispiel Bäume mit Spechthöhlen oder abplatzender Rinde. „Wir kennen diese Bäume ganz genau und erhalten sie“, erläutert König. Auf jedem Hektar (100 m x 100 m) Wald in Rheinland-Pfalz stehen im Schnitt drei Specht- und Höhlenbäume. Dazu kommen insgesamt 145.000 sogenannte „Horstbäume“. Das sind Bäume mit Vogelnestern von über 50 Zentimeter Durchmesser. So erreichen wir eine Biotopvernetzung auf ganzer Fläche.

Als stehender toter Baum oder schon am Boden liegend, dick oder dünn, ist Totholz Heimat vieler Pilz- und Insektenarten. Häufig stehen um die Biotopbäume herum einzelne Waldbereiche mit besonders viel Totholz, die als Waldrefugien ausgewiesen werden. „Im Moment haben wir allerdings eine ganz besondere Situation mit dem Borkenkäfer. Wir müssen die durch die Dürre geschwächten Bäume sehr genau im Auge behalten, um die Vermehrung der Borkenkäfer früh zu erkennen. Absterbende Fichten müssen aktuell schnellstmöglich gefällt werden, um eine weitere Massenvermehrung der Borkenkäfer zu vermeiden. Damit schützen wir die noch gesunden Wälder“, erklärt König.

Bei der Durchforstung des Waldes gehen die Forstleute sehr sorgfältig vor. Indem sie ausgesuchte Bäume entnehmen, achten sie darauf, dass sogenannte Mischbaumarten gefördert werden. So kann der Wald nach und nach immer vielfältiger werden. Besondere Biotope wie Bachläufe oder kleine Tümpel werden sehr sensibel behandelt. Kahlschläge gibt es in unseren Wäldern schon seit rund 30 Jahren nicht mehr. Aktuelle Ausnahme ist die erwähnte Aufarbeitung von Borkenkäfer- oder anderem Schadholz, sowie die Anlage von Lichtungen für Arten, die Freiflächen im Wald benötigen.  Eine sorgfältige Durchforstung kommt auch den Bienen und anderen Insekten zugute. Wenn einzelne Bäume geerntet werden, können die Nachbarbäume größere Kronen bilden und mehr Nektar und Pollen produzieren.

Auch die Waldränder werden möglichst naturnah und strukturreich gestaltet. Das bedeutet, dass einzelne Bäume oder Baumgruppen am Waldrand gefällt und Sträucher zurückgeschnitten werden. So wachsen am Waldrand unterschiedlich hohe Bäume und Sträucher, sodass es einen Wechsel von Licht und Schatten gibt. Ein solcher, struktur- und artenreicher Waldrand kann bedrohten Arten ideale Bedingungen bieten. Außerdem schützt ein solcher, abgestufter Waldrand den Wald vor Sturm und er sieht auch einfach schön aus.

„Besonders wichtig für die Artenvielfalt sind interessanterweise auch gerade die Orte im Wald, an denen keine Bäume wachsen“, erklärt der Forstmann.Waldlichtungen, Waldwiesenund Wegränder sind besonders artenreich, deshalb lassen wir auch gerne die Seitenstreifen an den Waldwegen frei“. So finden sich hier Schmetterlingsarten wie Kaisermantel oder Mohrenfalter, die kaum innerhalb geschlossener Wälder leben. Weil mehr krautige Pflanzen vorkommen, suchen hier auch Kleinsäuger und Vögel ihre Nahrung. „Eine Win-Win-Situation“, betont König. „Die Waldblumen, sind nicht nur für die Insekten wichtig. Sie erfreuen auch die Menschen im Wald und unsere Waldarbeiter haben Platz, Holz zu lagern. Außerdem trocknen solche Wege schneller, wenn es mal heftig geregnet hat“. Die Wiesen werden nur ein-, maximal zweimal im Jahr gemäht und bilden so wertvollste Blühflächen. Auf manchen Flächen werden auch spezielle, angepassten Blühmischungen gesät.

Wald im Klimastress - Vielfalt streut das Risiko

Die letzten beiden Jahre haben gezeigt, wie die rapide voranschreitende Klimaerwärmung den Wäldern zu schaffen macht. Der Klimawandel hat sichtbare Spuren hinterlassen. Mit dem Wald ist auch die biologische Vielfalt im Wald gefährdet „In den rheinland-pfälzischen Wäldern sind 2018 und 2019 insgesamt 12.700 Hektar Kahlflächen entstanden. Viele Bäume sind durch Wassermangel, Hitze und Borkenkäferbefall geschwächt“, ist König alarmiert. Es ist offen wie der Wald der Zukunft aussieht. Forstleute und Waldbesitzende setzen daher auf standortgerechte, strukturreiche Mischwälder mit unterschiedlichen Baumarten, um die Vielfalt der waldtypischen Arten zu fördern und um den Wald bestmöglich für den Klimawandel zu stärken. Denn ein vielfältiger Wald hat die besten Möglichkeiten, sich an die Veränderungen durch den Klimawandel anzupassen und damit wichtigster Lebensraum für die biologische Vielfalt zu bleiben.

 

 

 

HINTERGRUND

·         Zum Internationalen Tag der Biologischen Vielfalt
Seit 2001 wird der 22. Mai als Internationaler Tag der biologischen Vielfalt gefeiert. Er erinnert an den 22. Mai 1992, an dem der Text des Übereinkommens über die biologische Vielfalt offiziell angenommen wurde. Artenvielfalt, auch Artendiversität genannt, ist ein Maß für die Vielfalt der biologischen Arten innerhalb eines Lebensraumes oder geographischen Gebietes und somit für die Vielfalt von Flora und Fauna.

·         Bericht zur Lage der Natur in Deutschland
Alle sechs Jahre nehmen Bund und Länder eine Bewertung des Zustands der Natur in Deutschland vor. Dazu werden umfassende Berichte erstellt, die durch die Bundesregierung an die EU-Kommission zur Erfüllung der europäischen Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie und der EU-Vogelschutz-Richtlinie übermittelt werden. Grundlage für die Analyse ist ein Datenschatz, den ehrenamtliche Naturschützer*innen und Behörden bundesweit zusammengetragen: In rund 14.000 Stichproben haben sie im Zeitraum von 2013 bis 2018 den Zustand von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen erfasst, die über die europäischen FFH- und Vogelschutzrichtlinien geschützt sind. Für den Vogelschutzbericht liefern die Programme des bundesweiten Vogelmonitorings eine weitere wichtige Datenbasis. Aus den Daten lassen sich auch Rückschlüsse auf die Lage der Natur in Deutschland insgesamt ziehen.

·         Informationen zu der Studie der der Technischen Universität München