Pressearbeit bedeutet neue Perspektiven einzunehmen. © Markus Hoffmann

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Pilz des Jahres 2020 - Die Stinkmorchel ( Phallus impudicus)

Ein Pilz, den man riecht und dann erst sieht

Der Geruch

Dieser Pilz verwendet ein sehr spezielles Parfüm. Mit dem Geruch nach Aas lockt der ausgewachsene Fruchtkörper des Pilzes Fliegen und Mistkäfer an. Diese krabbeln auf dem Pilz hin und her, nehmen dabei versehentlich die reifen Sporen auf und verbreiten dadurch den Pilz weiter. Eine raffinierte und vor allem auch effektive Methode.

Das Aussehen

Nicht nur der aasartige Geruch, auch das Aussehen des Pilzes hat seit je her Aufsehen erregt. Der lateinische Name sagt es, der ausgewachsene Fruchtkörper erinnert im Aussehen an das männliche Geschlechtsorgan. Der Tochter Charles Darwin wird nachgesagt, dass sie in Sorge um die Sittsamkeit junger Mädchen alle Fruchtkörper aus ihrem Park entfernen ließ. Ob die Methode dauerhaft etwas bewirkt oder verhindert hat ist nicht überliefert.

Ein weiterer landläufiger Name der Stinkmorchel ist Leichenfinger. Da der Fruchtkörper auch auf Friedhöfen aus Gräbern heraus wächst, hat das die Fantasie der Menschen beflügelt. Man vermutete, dass der Gestorbene heimliche Sünden mit ins Grab genommen hatte und nun die Nachwelt zu einem ordentlichen Leben ermahnen wolle.

Die Lebensweise

Der eigentliche Pilz lebt als unsichtbares Geflecht im Boden und sorgt dafür, dass aus Blättern und Humus letztendlich wieder Waldboden wird. Er zersetzt das organische abgestorbene Material. Damit erfüllen diese Pilze wichtige Funktionen im natürlichen Kreislauf. Wenn ein Fruchtkörper wächst, so erscheint er zunächst als etwa 5 Zentimeter hohes und breites rundes Gebilde, dem sogenannten Hexenei. Aus diesem klebrigen Teil wächst später der weiße Stiel mit schwarz oder olivfarbigem Hut hervor. Dieser Hut ist sehr schleimig.

Der Geschmack

Der Geruch macht definitiv wenig Appetit auf den Verzehr. Allerdings - das Hexenei kann man zubereiten und essen. Im Inneren des Hexeneis gibt es eine Schicht, die roh exakt wie Kohlrabi schmeckt. Und tatsächlich sehr lecker ist. Mir gelingt es allerdings eher selten bei Pilzwanderungen die Menschen zum Genuss  zu überreden.

Ein Teil des Ganzen

Die deutsche mykologische Gesellschaft hat den Pilz mit einer sehr klugen Absicht zum Pilz des Jahres ausgewählt. Er steht symbolhaft für das vernetzte Funktionieren in der Natur. Nur durch das Zusammenspiel mit Insekten kann sich der Pilz vermehren. Ohne diese Zersetzerpilze, die organische Materie in die Grundbausteine zerlegen, können sich Pflanzen nicht ernähren. Ohne Pflanzen fehlt aber für uns Menschen die Lebensgrundlage. Alles hängt zusammen und funktioniert in der Natur perfekt abgestimmt. So hilft die Schmeißfliege dem Pilz, der Pilz dem Baum, der Baum dem Menschen zu überleben.

Denken Sie daran, wenn sie sich mal wieder über die Fliege an der Wand ärgern. Sie verdanken ihr und ihren Artgenossen ziemlich viel.

Volker Westermann