Qualifizieren – Dimensionieren: Eine naturnahe Wertholzerzeugung

Junge Buche mit Zukunft
Junge Buche mit Zukunft
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer

Wälder sind unsere höchstentwickelten natürlichen Lebensgemeinschaften und gestalten maßgeblich das Gesicht unsrer Landschaft. Wälder, die in ihrer Artenausstattung und ihrem Aufbau ein hohes Maß an Natürlichkeit besitzen, sind von besonderem ökologischen Wert. 

In unseren rheinland-pfälzischen Landschaften wachsen von Natur aus Laubwälder in einer Vielzahl von Ausprägungen. Wälder, die auf großer Fläche ganz deutlich von der Buche geprägt sind, gibt es nur bei uns im mittleren und westlichen Europa. 

Es geht bei naturnahem Waldbau darum, die vielfältigen Leistungen, die unsere Wälder für den Menschen bereitstellen können, behutsam zu schöpfen. Wir wirken dabei nicht mehr flächig ein, sondern arbeiten punktuell, ohne den Wald allzu deutlich zu verändern. 

In unseren Wäldern wächst der Bio-Rohstoff Holz. Holz kann man umweltverträglich in Energie umwandeln. Holz, in seine Fasern zerlegt, wird in Kombination mit anderen Stoffen zu modernen Produkten verarbeiten. Nach Bearbeitung in der Sägeindustrie ist Holz begehrter Bau- und Werkstoff mit vielfältigen Verwendungsbereichen.

Neben diesen Produkten wollen wir gezielt die Erzeugung klassischen Wertholzes steigern und intensivieren. Dieses Holz erwächst in den astfreien Stämmen von dicken Bäumen, deren starke, gesund verwachsene Äste prächtige Kronen aufbauen. Wälder mit herrlichen Bäumen unserer europäischen Arten, die Wertholz liefern, sind eine Weltmarktnische, die sonst keiner besetzen kann.

Unser Ziel ist die Erzeugung wertvollen Holzes in naturnah bewirtschafteten Wäldern.

Etablierung

Die Etablierungsphase umfasst die ersten Lebensjahre der Bäume. Sie beginnt mit der Keimung des Samens beziehungsweise der Pflanzung und endet, wenn sich der junge Baum gegen konkurrierende Pflanzen und Wild durchgesetzt hat.

Das Ziel: Am Ende der Etablierungsphase sollen die ersten Grundlagen geschaffen sein, die es ermöglichen, in der neuen Waldgeneration wertvolles Holz zu erzeugen.

Der Weg: Konzentration ist unsere Stärke!

Keimzellen der Waldentwicklung sind Kleinstgruppen, die wir als "Klumpen" bezeichnen. Hier können die jungen Bäume in befriedigender Dichte aufwachsen.

Maßnahmen auf den Punkt gebracht

Alle Maßnahmen in der Etablierungsphase sind punktwirksam und konzentrieren sich im Mitteleinsatz ausschließlich auf die Klumpen. Eine Markierung ermöglicht weithin sichtbares Erkennen dieser Verjüngungs- und Wertbereiche, sie hilft, Schäden zu vermeiden und erleichtert Kontrolle und Pflege.In den Klumpen und nur dort tun wir zielgerichtet das, was gerade eben erforderlich ist, um später genug Wertbäume haben zu können: punktwirksam – nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Außerhalb der Klumpen wird geeignete Naturverjüngung in allen Situationen übernommen und integriert.

Qualifizierung

Die Qualifizierungsphase beginnt, sobald die jungen Bäume der Konkurrenzvegetation entwachsen sind und in einen intensiven Verdrängungswettbewerb zueinander eintreten.
Die Bäume wachsen nun immer rascher empor und das natürliche Aststerben setzt ein.

Das Ziel: In der Qualifizierung fördert Dichtstand die natürliche Differenzierung.

Genügend gute und gleichzeitig supervitale Jungbäume sollen zu wertholzfähigen Bäumen heranwachsen.
Das Aststerben soll in der Qualifizierungsphase möglichst rasch
voranschreiten.

Eiche, Birke und Buche reagieren unterschiedlich auf Beschattung
Eiche, Birke und Buche reagieren unterschiedlich auf Beschattung
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer

Der Weg: Wer qualifiziert wen?

Nicht jede Baumart kann eine andere “qualifizieren”. Lichtansprüche und Beschattungsvermögen bestimmen die oberirdischen Wechselwirkungen
zwischen den Bäumen.
Der Seitendruck der Buche qualifiziert die Lichtbaumarten Eiche und Birke hervorragend, während umgekehrt weder Eiche noch Birke an der Buche Aststerben auslösen können.

Die Vitalsten werden gewinnen

In der Qualifizierung gilt alle Aufmerksamkeit den  Jungbäumen, welche die größte Vitalität aufweisen.
Nur der Verlust oder die Beeinträchtigung dieser Bäume  begründen waldbauliche Eingriffe. Alle Maßnahmen sind auf den Punkt konzentriert und nicht mehr schematisch und flächenhaft.

Zugangslinien sind Grundvoraussetzung für sinnvolles Arbeiten Anlage bei Totastzone auf Augenhöhe
Zugangslinien sind Grundvoraussetzung für sinnvolles Arbeiten Anlage bei Totastzone auf Augenhöhe
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer

Reingehen und Hinsehen!

Es werden personenbreite Zugangslinien bei beginnendem Aststerben angelegt.
Unterschiedliche Wuchsdynamiken können so sicher erkannt und beobachtet werden.

Eine Birke wird geringelt.
Eine Birke wird geringelt.
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer
Knicken und Ringeln

Das Zurücknehmen unerwünschter sehr vitale Bäume (Protzen) geschieht in der frühen Qualifizierungsphase durch Knicken, zu einem späteren Zeitpunkt durch Ringeln mittels Schälmesser und Drahtbürste, aber nur, wenn dadurch im Umfeld ein anderer, wertversprechender Baum gesichert werden kann. Aushiebe jeglicher Art bringen zu viel Licht, stören die Astreinigung und unterbleiben daher. Unterschiedliche Wuchsdynamiken können so sicher erkannt und beobachtet werden.

Sonderfall Ausästung

Wenn eine ausreichende Anzahl guter Jungbäume mit natürlicher Astreinigung nicht erwartet werden kann (die Bäume stehen nicht dicht genug, Äste sterben nicht ab), der Baum aber sonst alle Qualitätsanforderungen  erfüllt, dann können ersatzweise Ästungsmaßnahmen durchgeführt werden. Dabei werden entweder komplette Astquirle oder einzelne, besonders wüchsige Grünäste entfernt. Diese Maßnahme ist möglich bis zu Astdurchmessern von 2,5 bis 3 Zentimeter, diese Wunden werden noch rasch gesund überwachsen.
Vorsicht! Das Entfernen zu vieler Grünäste kann den Baum aus dem Wuchsgleichgewicht bringen.

Dimensionierung

Baumarten mit unterschiedlichen Verlauf des Höhenwachstums
Baumarten mit unterschiedlichen Verlauf des Höhenwachstums
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer

Hat das Aststerben die gewünschte Höhe erreicht, beginnt die Dimensionierungsphase. Sie endet, wenn das Höhen und
Seitenwachstum der Baumkrone merklich nachlässt.
Richtwert für den Einstieg in diese Phase ist eine grünastfreie Stammlänge von etwa 25 Prozent der möglichen Endhöhe des Baumes.

Das Ziel:
In der Dimensionierung sollen die natürlichen Anlagen zur Bildung des astfreien Wertholzes an den Auslesebäumen ganz entschieden zur Entfaltung gebracht werden. Diese Auslesebäume sollen durch ihre waldbauliche Förderung zu großkronigen, starken und stabilen Wertbäumen heranwachsen.

Der Weg: Die Dynamik ausnutzen!

Der Beginn der Dimensionierungsphase und die zur Verfügung stehende Zeit, in der sich eine Baumkrone wesentlich vergrößern kann, richtet sich nach der Wuchsdynamik der jeweiligen Baumart.

Abbildung: Bis zur Ernte des Baumes bleibt die Kronenbasis auf gleicher Höhe
Abbildung: Bis zur Ernte des Baumes bleibt die Kronenbasis auf gleicher Höhe
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer
Der Startschuss zur Dimensionierung fällt bei ...
Aspe im Alter von 9 bis 12 Jahren
Birke, Erle, Lärche ... 12 bis 15 Jahren
Kirsche, Esche, Ahorn, Kiefer ... 18 bis 22 Jahren
Eiche, Fichte, Douglasie ... 25 bis 30 Jahren
Buche, Tanne ... 35 bis 40 Jahren

 

Der zum Kronenausbau zur Verfügung stehende Zeitraum ist begrenzt! Dicke Stämme entstehen nur unter großen Kronen. Die Baumkrone wird dimensioniert und das Aststerben bis zur Ernte des Baumes zum Stillstand gebracht (= dauerhaft angehaltene Kronenbasis).

Es kann nur Einen geben ...

Kronenfreie und bis zur Kronenbasis geastete Fichte nach Dimensionierungseingriff.
Kronenfreie und bis zur Kronenbasis geastete Fichte nach Dimensionierungseingriff.
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer

Die Auslesebäume werden nach den Kriterien Vitalität und Qualität ausgewählt und markiert. Die Mindestabstände zwischen Auslesebäumen liegen je nach Baumart und Standort zwischen 8 Meter und 16 Metern.
In der Dimensionierungsphase beschränken sich alle waldbaulichen Eingriffe ausschließlich auf die Entnahme der Bedränger am Auslesebaum.

So viel Licht wie nötig

Die Entnahme der Bedränger führt zum “Anhalten der Kronenbasis” und einer dauerhaft lichtumfluteten Krone des Auslesebaumes.

Hilfestellung erlaubt

Mit der Auswahl und Freistellung des Auslesebaumes ist unter Umständen eine Astungsmaßnahme verbunden.

Reife

Reife Eiche, das Ergebnis der Wertholzproduktion.
Reife Eiche, das Ergebnis der Wertholzproduktion.
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer

Die Reifephase beginnt, nachdem ein Baum 75 bis 80 Prozent seiner Endhöhe überschritten hat.
Sein Höhenwachstum lässt dann meist merklich nach und damit ist auch sein Kronenausbreitungssvermögen nur noch gering. Nach Kronenberührungen zwischen reifen Bäumen kommt es kaum mehr zu Aststerben. Diese Bäume haben sich “arrangiert” und vertragen sich miteinander.

Das Ziel: Am Ende der Reifephase steht die Ernte von Wertholz. Zu diesem Zeitpunk sollte die neue Waldgeneration bereits etabliert sein.

Konsequent geförderte Krone - dicker, wertvoller Stamm!
Konsequent geförderte Krone - dicker, wertvoller Stamm!
© Landesforsten.RLP / Olaf Böhmer
Der Weg - Was Hänschen nicht lernt ...

Mit nachlassendem Höhenwachstum reduziert sich auch die Fähigkeit des Auslesebaumes seine Krone zu vergrößern. Jetzt gilt es, den Wertzuwachs auf hohem Niveau zu halten und einer Entwertung des Baumes vorzubeugen.

Die Krone ist der Motor!

Auch in der Reifephase wird die Krone des wertvollen Baumes noch behutsam gefördert. Zusätzlich werden von unten nachdrängende Schattbaumarten entnommen.

Der Kreis schließt sich

Spätestens in der Reifephase sollen sich Bäume der nächsten Generation etablieren und dann gerne auch qualifizieren. Der Kreis schließt sich im Generationenwechsel, der mit der Ernte des ersten zielstarken Baumes beginnt