Eine untergegangene Kleinsiedlung zwischen Salzwoog und Fischbach

Kommt man heute in den oberen Teil des Fischbrunner Tales, wo sich der Jugendzeltplatz und die Hütte befinden, erinnert nur noch wenig an die Stelle, an dem einst der Wolfsägerhof über 185 Jahre hinweg gestanden hat. Wo einst blühende Gärten lagen und Kinder spielten, haben Unkraut und Sträucher ihren Platz eingenommen und dort, wo früher die kargen Felder und Wiesen waren, stehen Fichten und Unterholz.

So veröffentlichte der Heimatforscher Karl Ziegler aus Lemberg sinngemäß seinen Artikel in der Zeitschrift "der regionale Wanderer", veröffentlicht im Frühjahr 1999. Es ist schwer sich das alles vorzustellen, geschweige denn nachzufühlen, was Otto Veith, einen der letzten Bewohner des Wolfsägerhofes bewegte, als er zusmmen mit Karl Ziegler vor beinahe zehn Jahren das Gelände, welches einst zum Hofgut gehörte, abging und dabei von seinen Erinneungen an die Jugend- und Schulzeit, aber auch vom Leben auf dem Hof berichtete.

Es muß ein unvorstellbar entbehrungsreiches Leben gewesen sein; die Menschen waren bis zuletzt bettelarm. Der karge Boden lieferte nur wenig  Ertrag und mit etwas Waldbewirtschaftung, Hühner- und Kleintierzucht hielten sich die Bewohner des Hofes oft mehr schlecht als recht geradeso über Wasser. Dennoch - oder gerade deswegen? - waren es bescheidene, zufriedene und wohl auch glückliche Menschen. Trotz der Lage abseits jedweder Zivilisation kannte man Abgeschiedenheit oder gar Einsamkeit nicht, denn in den späten Herbst - und Wintertagen kamen die Grasampfer- und Heidekrautschneider aus der näheren Umgebung, die im Auftrag des Forstes die Waldschonungen freischnitten. Meist wurden diese Tätigkeiten  von Frauen und Kindern verrichtet. Nach getaner Arbeit kehrte man dann auf dem Hof ein, um sich ein wenig aufzuwärmen, einen kleinen Imbiss einzunehmen und natürlich auch, um Neuigkeiten zu erfahren, denn eine Zeitung gab es auf dem Hof nicht.

Die Anfänge des Hofes liegen um ds Jahr 1770 herum begründet. Bdenfunde legen nahe, dass das ehemalige Hofareal bereits schon in der römischen Kaiserzeit besiedelt war. Der Name "Wolfsäge" hat nicht, wie man vielleicht mutmaßen möchte, etwas mit einer Sägemühle zu tun; der Hof hat niemals etwas derartiges besessen. Vielmehr taucht breits 1798 der Name " Wolfsseyen" auf, bei dem der erse Namensteil auf das Tier verweist, der zweite Teit "Seie" sich vermutlich vom althochdeutschen Begriff "sigine" herleitet und etwa so viel bedeutet wie " schwach laufende Quelle". Wie tto Veith berichtete, war über dem Eingang des Wohnhauses der Familie Jakob Salzmann die Jahreszahl 1772 eingemeißelt  was besagt, dass hier insgesamt 185 Menschen über zwei Jahrhunderte hinweg ihr Zuhause, Arbeit und Brot hatten. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, noch hier zu leben, antwortete Otto Veith mit einem klaren " Nein". 

Wohl im Zuge des wirtschaftlichen Aufblühens der Region durch die Pirmasenser Garnison des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt hatte Johann Valentin Kettenring den Waldbauernhof hart an der Grenze des Hanau-Lichtenberger Landes, heute am Rande der Gemarkung Lemberg, gegründet. Kettenring war Hofmann vom nahen Salzwooghof und ist nach amtlicher Beurkundung 1791 auf "dem Wolfsseyen" verstorben. Im Jahr 1808 lebte auf dem Hof noch ein Valentin Kettenring. Zu dem Hofgut gehörten 64 Morgen ( etwa 16 Hektar) Ackerland und Wiesen, die bewirtschaftet wurden. Der Ertrag war jedoch gering und die Lebensbedingungen sehr karg, so dass als Nebenerwerb erst Köhlerei und später dann, im Zuge des Eisenbahnbaus, auch das Herstellen von Schwellen das bescheidene Einkommen sicherte. Transportmittel war das gemächliche, von Kühen gezogene Fuhrwerk, erst in den letzten Jahren kam ein Pferd auf den Wolfsägerhof. Wasser lieferte die schwache Quelle, die heute noch sprudelt und auch das kleine "Fischbächlein", welches am Hof vorbeifloss. Zudem versorgte ein kleiner Teich vor den Hofgebäuden die Bewohner mit Fischen. Elektrischen Strom hatte es bis zum Ende niemals auf dem Hof gegeben.

Im Jahre 1869 sind 27 Personen auf dem Hof verzeichnet, die allesamt protestantisch waren. Die schulpflichtigen Kinder mussten in der Lemberger Annexe Langmühle zur Schule gehen, anstatt im wesentlich näher gelegenen Fischbach die katholische Konfessionsschule zu besuchen. Bei jeder Wetterlage führte täglich der bis heute so genannte "Schulpfad" über den Braunsberg sonntags zur Kirche nach Lemberg und zur etwa zwei Stunden entfernten Schule; nur im Winter wohnten die Kinder bei Verwandten am Schulort. Erst 1935 war mit der Auflösung der Konfessionschulen im Dritten Reich der Schulbesuch im etwa fünf Kilometer entfernten Fischbach möglich. Nicht oft fand ein Pfarrer den Weg auf den Hof; sicherlich jedoch anlässlich der Taufe eines Kindes, denn es war Mutter und Kind nicht zumutbar, den beschwerlichen Weg nach Lemberg zurückzulegen. Bei Beerdigungen war man viele Stunden unterwegs, da alle Verstorbenen ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in Lemberg fanden. Die große Entfernung war gewiss auch der Grund dafür, dass niemals Bewohner des Hofes im Presbyterium in Lemberg zu finden waren. Kirchlich war man über all die Jahrhunderte mit der protestantischen Kirchengemeinde Lemberg verbunden. Auch feierte man mit den Lembergern alljährlich die "Kerwe" am 19.Oktober;  Anlass genug, an diesem Tage ein oder mehrere Gläser Wein oder Bier mit Verwandten und Bekannten zu trinken. Ob die "Wolfsäger" danach abends stets nach Hause zurückkehrten oder auch mal bei Verwandten nächtigten, bleibt dahingestellt. Selbstverständlich wurde zu diesem Fest stets auch ein Ofen voll Kuchen gebacken.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war ein Ackerer namens Schuler Besitzer des "Wolfseierhofes"; mit dessen Witwe starben die Schuler 1950 auf dem Hof aus. Im Jahre 1905 waren es vier Familien, die den Hof bewohnten: Jakob Salzmann, Jakob Haag I., Jakob Haag II. und Jakob Schuler. Sicherlich hatten alle Spitznmen, denn man kann sich die Verwirrung gewiss unschwer vorstellen, hätte man einfach nur den "Jakob" gerufen! 1911 kam Gottfried Veith, ein strebsamer Ackersmann und Waldarbeiter auf die Hofsiedlung und nahm Luise Schuler zur Frau. Er war Sohn von Jakob Veith vom Rodalberhof.

Der Westwallbau und der zweite Weltkrieg forderten auch von den "Wolfsägern" große Opfer. Von September 1939 bis August 1940 waren die Bewohner evakuiert. Die Familie Veith lebte während dieser  Zeit auf dem Salzwoog. Das Vieh wurde weggetrieben, dafür gab es später eine sehr magere Entschädigung. In dieser Zeit lebten Wehrmachtssoldaten auf dem Hof - vermutlich die Besatzung der Westwallwerke - , die jedoch nur die Küche benutzten. Bei der zweiten Evakuierung im Jahre 1944 verlieben die Bewohner auf dem Hof und beherbergten in dieser Zeit sogar Evakuierte aus Pirmasens. Die zwei Bunker in unmittelbarer Nähe des Wolfsägerhofes waren dann auch Ende de Krieges der Anlass für die von Fischbach heranrückenden Amerikaner, den Hof zu beschießen, wodurch er stark beschädigt wurde.

Schon damals waren Gedanken der hinterbliebenen Bewohner vorhanden, den Hof für immer zu verlassen, denn die neue Zeit nach der Währung 1948 ging auch am Hof nicht spurlos vorbei. So kam es, dass die Familie Wilhelm Haag im Jahr 1953 als erste den Hof verließ, um in Petersbächel ein neues Zuhause zu finden; andere Mitglieder derselben Familie waren schon zuvor auf die Langmühle übergesiedelt. Zurück blieben einzig die Familien Otto und Gottfried Veith, die 1957 dann als letzte Bewohner den Wolfsägerhof verließen und nach Lemberg umsiedelten. Das gesamte Hofgut kam dann in den Besitz des staatlichen Forstes, der von seinem Vorkaufsrecht gebrauch machte und sämtliche Gebäude durch das Forstamt Fischbach dann im darauffolgenden Jahr 1958 entfernen ließ.

Der seit einigen Jahren leider verstorbenen Werner Friedrich aus Pirmasens war als Vorsitzender des "Förderkreises Wolfsäge" imgrunde Nachfolger der in der Nazizeit verbotenen "Bündischen Jugend". Ab dem Jahre 1953 war er bei der mehrjährigen Renovierung der 1928 erbauten und stark heruntergekommenen Hütte, die auf ehemals gepachtetem Gelände des Wolfsäger Hofes steht, stets aktiv beteiligt und kannte die letzten Bewohner des Hofes gut. "Mein Gott, was waren das so bettelarme Leute", erinnerte er sich und fuhr fort: "Obwohl sie kaum etwas besaßen, waren sie glücklich und zufrieden und das wenige , was sie hatten, teilten sie gerne mit anderen. Wir durften auch während der gesamten Jahre der Renovierungsarbeiten auf dem Hof unentgeltlich nächtigen. Das waren so herzliche und gütige Menschen."

Nur noch ein paar Obstbäume, Mauerreste und ein auf Fischbacher Bann stehender Ritterstein des Pfälzerwaldvereins erinnern uns heute an die wechselvolle Geschichte des Wolfsägerhofes und seiner Menschen, die ihn bwohnten.

(Text- und Bildquellen: Ziegler, Karl, Alt Lemberg. Seine Annexen, Höfe undMühlen, 1992. Guth, Emil, Lemberg. Dorf und Burg im Wandel der Zeit, 1984)

Norman Fritzinger, Fischbach b.Dahn