Baum des Jahres 2018 - Die Ess-Kastanie (Castanea sativa)

Der botanische Blick richtet sich 2018 auf eine in Deutschland eher seltene Baumart: Die Ess-Kastanie. Wo sie wächst überrascht Castanea sativa jedoch mit kulinarischer  wie praktischer Vielseitigkeit – und nicht zuletzt mit ihrer reizvollen Blütenpracht. 

Wann die ersten Ess-Kastanien ihre Zweige in den Himmel des heutigen Deutschlands reckten ist nicht sicher überliefert. Die Griechen etablierten den Baum im Mittelmeerraum, bereits in der Bronzezeit fanden sich Anbaugebiete in Südfrankreich. Die Römer brachten sie schließlich vor rund 2000 Jahren über die Alpen, erkannten die günstigen botanischen Voraussetzungen und etablierten die Art besonders entlang des Pfälzer Haardtrandes, entlang der Flüsse Nahe, Mosel und Saar und am Westhang des Schwarzwaldes.

In den Wäldern Rheinhessens kam die Ess-Kastanie wohl nur sehr vereinzelt vor. Erst in den vergangenen 25 Jahren wurde die Art in kleinem Umfang gepflanzt. In den kommenden Jahren sollen die Bestände punktuell vergrößert werden.

Fortan waren Weinbau und Ess-Kastanie nicht mehr voneinander wegzudenken: Aus dem gegen Verrottung erstaunlich resistenten Kastanienholz fertigten Winzer Rebstöcke – meist wuchs der Ess-Kastanienhain direkt oberhalb des Weinbergs. Das Holz erwies sich weiter als brauchbares Material für den Hausbau, Fassdauben, Masten, als Brennholz und Gerberlohe.

Wohl noch bedeutender als für den Weinbau war die Ess-Kastanie lange für die Ernährung der Bevölkerung: Die fettarmen, stärkereichen und süßlichen Maronen blieben nach Missernten oft das lebensrettende Nahrungsmittel. Als Weizenalternative könnte die Ess-Kastanie bald eine Renaissance erleben. Brot und Gebäck aus Ess-Kastanienmehl sind glutenfrei und damit für Allergiker eine willkommene Erweiterung des Speisezettels. 

Obwohl die Ess-Kastanie sich in Deutschland nicht im Wuchsoptimum befindet kommt sie gut mit den klimatischen Bedingungen unserer Breiten zurecht. Wenn auch die Niederschläge in Rheinhessen nach dem Lehrbuch für die Kastanie zu gering ausfallen, scheinen die guten Böden den fehlenden Regen auszugleichen. Eine Baumart die anpassungsfähig und wärmeresistent ist – da horcht heute mancher Forstbotaniker auf. Ist die Ess-Kastanie also ein Retter im Klimawandel? Das lässt sich so einfach nicht beantworten: Bisher ist Castanea sativa eher ein Parkbaum, im Wald findet man sie nur regional häufig. Doch Forstleute forschen seit einigen Jahren, unter welchen Bedingungen die Ess-Kastanie in unseren Wäldern hochwertiges Holz für langlebige Bau- und Möbelholzprodukte liefern könnte.

Obwohl der Name es zunächst nahelegt, haben Ess- und Rosskastanie wenig gemein: Während die Ess-Kastanie eng mit Buchen und Eichen verwandt ist, gehört die Rosskastanie zu den Seifenbaumgewächsen. Die fälschlich vermutete Verwandtschaft begründet sich wohl darin, dass beide Arten im Herbst zunächst von stacheligen Kugeln umhüllte, mahagonibraune Früchte hervorbringen.

Hintergrundinfo regional
Die dickste und eine der ältesten Esskastanien nördlich der Alpen steht im Donnersbergkreis in Dannenfels, hat mehr als neun Meter Umfang und ein geschätztes Alter von 450 Jahren.

Weitere Informationen finden Sie bei der Dr. Silvius Wodarz Stiftung oder bei der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald RLP