Seit mehreren Jahrzehnten wird eine „Niederwaldbewirtschaftung“ in Rheinhessen von der Forstverwaltung nicht mehr betrieben. Wir wissen aus den forstlichen Unterlagen des Forstamtes, dass in früheren Jahrhunderten das „Vorholz“ niederwaldartig bewirtschaftet wurde. Der Niederwald war die in Rheinland-Pfalz vor gut 200 Jahren vorherrschende Bewirtschaftungsart. Inzwischen ist der Anteil des Niederwaldes an der Gesamtwaldfläche in Deutschland auf weniger als 3 Prozent gesunken, wobei der Schwerpunkt des Niederwaldes in Rheinland-Pfalz liegt. Vor allem im nördlichen Landesteil von Rheinland-Pfalz an Mosel, Rhein, Lahn, Nahe und Ahr hat der Niederwald noch eine große Bedeutung.

Eine aktuelle Auswertung der Planungsdaten von Landesforsten Rheinland-Pfalz errechnet einen Flächenanteil von etwa 83.000 Hektar Wald, der aus der Niederwaldwirtschaft entstanden ist.

Der Bevölkerung diente der Niederwald als Brennholzlieferant und war wichtig für die Lohewirtschaft.

Der Niederwald ist eine alte forstliche Betriebsart. Seine ersten geschichtlich überlieferten Anfänge finden wir in Deutschland im 13. Jahrhundert (2). Schon früh und wohl mit zuerst am Niederwald hat sich der Gedanke der forstlichen Nachhaltswirtschaft ausgebildet. Es sollte nur soviel Holz eingeschlagen werden, wie tatsächlich auch nachwächst. Der Wald wurde in eine entsprechende Anzahl von Schlägen eingeteilt, von denen immer nur eine im Jahr genutzt wurde.

In Rheinhessen dominierte der Eichen-Niederwald, in dem dieTraubeneiche, seltener die Stieleiche, die Hauptbaumart bildete. Je nach den standörtlichen Verhältnissen kamen noch Hainbuche, Sandbirke und Haselnuss vor.
 
Im Niederwaldbetrieb wurden die Bäume in der Regel ab einem Alter von 20 bis maximal 40 Jahren planmäßig dicht über dem Boden abgeschlagen. Die Bäume können sich dann aus eigener Kraft durch Stockausschlag oder aber durch den Austrieb der Wurzeln selbst wieder erneuern. Eine Pflanzung ist daher nicht erforderlich. Die Niederwaldwirtschaft war daher eine von den Menschen besonders geförderte Betriebsart, weil sie Brennholz lieferte, oftmals aber auch landwirtschaftlich in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus genutzt wurde.

Auf Grund sich verändernder Ansprüche an den Wald wurden viele Niederwälder in den letzten Jahrzehnten in Rheinland-Pfalz und auch in Rheinhessen in Hochwald umgewandelt. Die Nachfrage nach Brennholz ging zurück. Die Eichenlohe wurde nicht mehr für die Lederindustrie benötigt. Der Niederwald lieferte im Vergleich zum Hochwald nur wenig und gering verwertbares Holz. Daher wurde bereits vor gut 200 Jahren von der Preußischen und auch der Hessischen Forstverwaltung begonnen, den Niederwald zu beseitigen und in Hochwald umzuwandeln. Andere Baumarten wurden auf die bisherigen Niederwaldflächen eingebracht, so z. B. vielerorts die Douglasie, die Fichte, selten auch die Kiefer. Oftmals wurden die Niederwälder wie „Hochwälder“ behandelt. Die besten Exemplare der Eichen wurden übernommen. Die Bestände wurden nicht mehr als Niederwald genutzt sondern sie wurden in Hochwald überführt und man ließ sie „durchwachsen“.  Aus diesen ehemaligen Niederwäldern sind die meisten der heutigen Hochwälder im Vorholz und in Rheinhessen entstanden.

Ab dem 17. Jahrhundert wurde das Vorholz als Eichen- und Buchenhochwald bewirtschaftet. Ab dem Jahre 1770 wurde die Waldwirtschaft umgestellt. Der Wald wurde mittelwaldartig, d. h. in einem 40-jährigem Umtrieb bewirtschaftet. Außer den oberständigen Eichen wurden alle anderen Bäume auf den Stock gesetzt (3).

Als Rheinhessen nach dem Wiener Kongress dem Land Hessen angegliedert wurde, änderte sich die Bewirtschaftung des Vorholzes. Etwa ein Drittel des Waldgebietes wurde als Mittelwald mit  30-jährigem Umtrieb, ein Drittel als Hochwald und ein Drittel als Niederwald mit 18-jährigem Umtrieb bewirtschaftet.

Im Hochwald wurde die Umtriebszeit, d. h. der Zeitraum, an dem ein Bestand vollständig genutzt wurde, auf 120 Jahre festgelegt (4).
1848 wurde der Mittelwaldbetrieb aufgegeben. Der größte Teil des Waldes wurde wieder als Niederwald und ein kleiner Teil als Hochwald genutzt. Mit der aufkommenden Lederindustrie in Rheinhessen und der steigenden Nachfrage für Eichenlohrinde in den Ledergerbereien in Worms, Pirmasens und Kirchheimbolanden wurden die Schälwaldungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erweitert. Bereits 1870 wurden 3/5 der Waldfläche in Eichenrindennutzung eingestellt.

Eine ähnliche Entwicklung nahm der Alzeyer Stadtwald. Zunächst wurden 2/3 der Fläche in Schälwald umgewandelt (1845 bis 1863) (5). In den Jahren 1864 bis 1882 wurde auch das letzte Drittel als Schälwald genutzt. Ab dem Jahre 1902 wurde im Staatswald die Schälwaldnutzung eingestellt. In den Gemeindewäldern in Rheinhessen wurden die Wälder weiterhin im Niederwaldbetrieb als Schälwald genutzt. In den Jahren 1915 bis 1920 wurde wegen des allgemeinen Gerbstoffmangels in der Kriegszeit auf die damaligen Überführungsbestände teilweise nochmals zurückgegriffen.

Ab dem Jahre 1921 bis 1939 wurde der Schälbetrieb im Niederwald praktisch auch im Gemeindewald eingestellt. Nur auf wenigen Flächen wurde im zweiten Weltkrieg und auch kurz nach 1945 in der damaligen Notlage Rinde gewonnen und das dabei anfallende Brennholz allgemein versteigert.

Biologische Vitalität

Viele Wälder im Vorholz eignen sich nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr für eine Niederwaldwirtschaft. Unabhängig davon sehen dies auch die waldbaulichen Richtlinien und Vorgaben des Landes für den wesentlichen Teil der Waldflächen im Vorholz nicht vor.

Das Ausschlagvermögen der Eichen lässt z. B. ab einem Alter von 30 Jahren deutlich nach. Dieses Wissen um die Bedeutung des Zeitraumes hoher Ausschlagfähigkeit hat z. B. schon zur Zeit der Blüte des Niederwaldbetriebes zu einer Umtriebszeit von 18 Jahren geführt. Eigene Erfahrungen aus Niederwaldflächen am Rhein und an der Mosel zeigen, dass die Ausschlagfähigkeit von Standort zu Standort sehr unterschiedlich ist. Dort konnte festgestellt werden, dass die Ausschlagfähigkeit noch nach Jahrzehnten gegeben ist. Allerdings bleibt die Frage der Stabilität dieser Bestände auf Dauer noch ungeklärt (6, 7).

Viele ehemalige Niederwälder sind möglicherweise nicht mehr vital, weil die Qualität der Wurzeln altersbedingt nachgelassen hat.

Natürliche Vegetation

In der Rheinhessischen Schweiz kommen als potentiell natürliche Waldvegetationen v. a. Buchenwald-Gesellschaften vor. Lediglich auf trockenen, flachgründigen Sonderstandorten finden sich wärmeliebende Eichenwaldgesellschaften (8). Die heutigen Waldbilder insbesondere im Vorholz sind das Ergebnis einer Jahrhunderte langen Nutzung der Wälder als Niederwälder. Dadurch wurden in den vergangenen Jahrhunderten Eichen und Hainbuchen absolut begünstigt.

Die damaligen Nieder- und Mittelwälder, dies steht zweifelsfrei fest, wurden von den Förstern kontinuierlich gepflegt und in Hochwald überführt. 
Laubhölzer prägen mit einem Anteil von deutlich über 80 Prozent das Waldbild der Rheinhessischen Schweiz.

Bedingt durch die stark von Menschenhand geprägte Waldwirtschaft sind Trauben- und Stieleichen die am häufigsten vorkommenden Baumarten, gefolgt von der Buche. Im nennenswerten Umfang kommen noch Hainbuchen, Roteichen, Winterlinden, Eschen, Bergahorn, Spitzahorn, Wildkirschen und Birken vor. Immer wieder bereichern das Waldbild besonders seltene Baumarten wie Speierling, Elsbeere, Mehlbeere und Feldahorn.

Bedeutung für den Naturschutz – Ausgleichsflächen

Durch die Bewirtschaftung dieser Wälder werden die Konkurrenzverhältnisse und auch der Wärme- und Lichthaushalt stark beeinflusst. Dadurch bietet der Niederwald zahlreichen Pflanzen, wie schwachwüchsigen Bäumen, lichtbedürftigen wärmeliebenden Pflanzen und auch Tieren günstige Lebensbedingungen.
Aus Gründen des Natur- und Landschaftsschutzes ist auch die Erhaltung und Weiterführung historischer Waldnutzungsformen eine besondere Aufgabe.

Niederwälder haben für den Naturschutz ein hohes Potential. Besonders die im Vorholz vorkommende Wildkatze benötigt Niederwälder als Lebensraum. Auch das Haselhuhn, das wohl im Vorholz nicht mehr vorkommt, ist an die Betriebsart des Niederwaldes gebunden. Die besondere Struktur der Niederwälder ist ein wichtiges Habitat für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten. Als Biotoptypen gehören niederwaldartige Waldstrukturen zu den gefährdeten Biotoptypen in Rheinland-Pfalz und in Deutschland. Niederwälder stehen in ihrer Ausprägung zwischen Offenlandtypen und den Waldbiotopen. Die Niederwaldflächen im Vorholz sollen im übrigen durch seltene, vor allem wärmeliebende Baumarten wie Elsbeere, Speierling und Kirschen aufgewertet werden.

Mit der Wiedereinführung der Niederwaldwirtschaft im Vorholz will das Forstamt einen Beitrag zur Verbesserung der biologischen Vielfalt in unseren Wäldern beitragen. Dies ist nicht nur im Sinne des Naturschutzes, sondern dient auch einer abwechslungsreichen Landschaft, die an historische Waldnutzungsformen erinnert, die früher weite Teile unseres Landes mitgeprägt haben.